Praxis in die Freiheit

YOGA ALS TRANSFORMATIV-PRAKTISCHES „WERKZEUG“ AUF DEM WEG IN DIE FREIHEIT

Wir leben in einer Zeit des Wandels, in der die Bedeutung von „Freiheit“ immer mehr hinterfragt wird.

Wir durchleben Zeiten der Isolationen, in denen wir auf verschiedenen Ebenen Einschränkungen erleben. Krisen haben jedoch zwei Seiten – sie sind auch Portale zu neuen Chancen und Möglichkeiten, und wenn wir lernen können, sie zu erkennen und sie zu durchschreiten, können wir ein Leben schaffen, das über das hinausgeht, was wir jetzt erleben. JFK inspirierte einst mit diesem Zitat:

„Die Chinesen verwenden zwei Pinselstriche, um das Wort ‚Krise‘ zu schreiben.

Ein Pinselstrich steht für die Gefahr, der andere für die Chance.“

Sogar die Sterne sind an diesem Neumondtag, dem 6. September 2021, mit uns im Einklang. Was diesen Neumond noch spezieller macht, sind die harmonischen Transite, die ihn begleiten. Zunächst bildet Venus in der Waage ein Trigon mit Jupiter im Wassermann. „Dies ist einer der positivsten astrologischen Aspekte, der Optimismus, Möglichkeiten und das Versprechen von Wachstum mit sich bringt“, sagt Narayana Montufar, leitender Astrologe von astrology.com.

Ich habe Yoga Balis Online-Refugium „Praxis der Freiheit“ als einen Ort geschaffen, um zusammenzukommen, zu reflektieren, Stille zu finden, Zugang zu innerer Stärke zu bekommen und Klarheit zu erlangen, um klügere und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Wir sind dann in der Lage, selbst in einer instabilen Welt wieder Freiheit und Stabilität in uns zu finden. Wir sind dann in der Lage, diese Aspekte des Optimismus, der Möglichkeiten und des Wachstums in unser eigenes Leben einzubringen und an der Gestaltung des Lebens und des Planeten mitzuwirken, so wie wir es möchten.

Während der „Lockdowns“ wurde mir immer wieder bewusst, dass sich innerhalb dieser aktuellen Begrenzungen das Wesen der Freiheit als ein Raum zeigt, der sich im Inneren öffnet und nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Ich habe erkannt, dass die Grundlage der Freiheit unsere eigene tägliche Einstellung ist, die tief aus unserem Inneren leuchtet. Es ist dieser Moment der Harmonie mit sich selbst und anderen, der uns frei macht. Aus yogischer Sicht können diese spontanen Gefühle können auch trainiert werden, nämlich durch Meditation. Meditation braucht Übung.

Die Yogapraxis lehrt uns, wie wir zu diesem Punkt der inneren Stille gelangen können und gibt uns „freundlicherweise“ praktische Werkzeuge in antiken Schriften, die heute relevanter sind denn je zuvor! Ich habe die Schriften durchstöbert und für uns ein paar praktische Werkzeuge aus verschiedenen Yogapfaden aufgegriffen, die uns auf unserer Reise in die Freiheit unterstützen können: Vairagya (Losgelöstheit), Shraddha (Glaube), Sadhana (tägliche Praxis) und Tapas (Disziplin). Mit diesen Werkzeugen, ergänzt mit einer Brise Humor, haben wir alle die Möglichkeit, uns selbst und unser Leben so einzurichten, dass Freiheit geschehen kann. Viele Wege führen nach Rom, mein Weg zur Freiheit ist Yoga.

 

B.K.S. Iyengar sagt:

„Yoga erlaubt dir, eine neue Art von Freiheit zu finden, von der du vielleicht nicht einmal wusstest, dass sie existiert. Für einen Yogi bedeutet Freiheit, nicht von den Dualitäten des Lebens zerschlagen zu werden.“

 

Yoga ist ein Instrument, das das Leben spielt, ein Weg, um Freiheit zu erlangen. Aber Freiheit wovon? Wovon reden wir eigentlich? Patanjali antwortet in den Yoga Sutras: Es ist die Freiheit von unserem immer so geschäftigen Affengeist.

VAIRAGYA

Vairagya oder Nicht-Anhaftung wird sowohl in den Upanishaden als auch in den Yoga-Sutras von Patanjali beschrieben. Wir haben einen Plan, ein Bedürfnis, wir wollen etwas, wir wollen, dass das Leben wieder „normal“ wird, dass die Wirtschaft funktioniert, dass die Liebe hält, dass das Auto fährt, dass die Ernte dieses Jahr gut ausfällt, dass die Testergebnisse positiv sind, dass der Freund auf eine SMS antwortet, und dann … plötzlich kommt alles anders, und besonders in der heutigen Zeit verändert sich die Welt um uns herum so schnell. Hey, dafür haben wir uns nicht angemeldet! Wie konnte das plötzlich passieren? Der Urlaub, den wir geplant hatten, wurde gestrichen – wann werde ich wieder fliegen? Lassen wir Yoga unser Ticket zum Fliegen sein.

Wenn wir erkennen, dass unser Glück nicht von der Erfüllung unserer Erwartungen abhängt, üben wir vairagya. Das Glück kommt dann aus der Verbindung mit dem, was ist, was in diesem gegenwärtigen Moment gegeben ist, auch wenn es anders ist als das, was wir erwarten.

 

„Alles kann einem Menschen genommen werden, bis auf eines: die letzte der menschlichen Freiheiten – die Wahl der eigenen Haltung in jeder gegebenen Situation, die Wahl des eigenen Weges.“

Viktor E. Frankl 

 

Frankl konnte selbst in der Haft in seiner Haltung, in seiner Art zu denken, die Freiheit finden. Unter noch so schwierigen Umständen. Und das gab ihm Sinn. Den Sinn, anderen zu helfen. Den Sinn, die Hoffnung zu bewahren, mit seinen Lieben wiedervereint zu werden. „Wenn du ein Warum hast, kannst du jedes Wie ertragen.“

Was ist unser Sinn in der heutigen Zeit? Können wir erkennen, dass dieses Portal nicht nur eine Tür zu herausfordernden Ereignissen ist, sondern auch ein Portal des notwendigen Wandels und neuer Möglichkeiten, denn wir haben die Wahl, durch dieses Portal auf die andere Seite der Angst zu gehen.

Während sich die Welt verändert, werden auch wir aufgefordert, uns zu verändern, um einen Sinn in unserem Leben zu finden.

„In Zeiten, wenn alles unklar ist, wird plötzlich klar was wichtig ist!“

Der Wandel erfordert eine Verschiebung der Wahrnehmung und eine Auseinandersetzung mit unseren eigenen Werten. Einkaufen wird weniger wichtig, das Zusammensein mit Freunden und Familie hat Vorrang. Die Eröffnung eines dritten Unternehmens ist weniger wichtig, die geistige und körperliche Gesundheit steht an erster Stelle. Die Werte ändern sich in dieser Zeit der Umstrukturierung – in dieser Zeit des Erwachens – zu dem, was notwendig ist, um uns selbst, unsere Gesellschaft und unseren Planeten zu heilen.

SHRADDHA

Als Frankl einen Sinn fand, fand er gleichzeitig eine tiefere Verbindung, er fand Glauben (shraddha). Den Glauben zu überleben, den Glauben, dass die Verbindung zur Liebe ihn auf die andere Seite bringen würde. Und das tat er. Er überlebte trotz aller Widrigkeiten, mit der Kraft, die ihm seine Hoffnung und sein Glaube gegeben hatten. Er wurde ein weltberühmter Autor und Psychotherapeut für Tausende von Lesern und Patienten rund um den Globus. Wie können wir jetzt diesen Glauben finden, um die Hoffnung zu bewahren, uns selbst hochzuhalten und andere auf dem Weg dorthin zu unterstützen?

 

Der beste Weg, unser eigenes Leben zu erheben, ist,

alles zu tun, was wir können, um das Leben anderer zu erheben“.

Sharon Gannon

 

Glaube erfordert Verbindung. Zu allererst ist es die Verbindung zu uns selbst. Yoga nennt unser wahres inneres Selbst, die Quelle der Liebe (atman), die uns wiederum mit etwas Höherem als uns verbindet, Yoga nennt es Brahman, manche nennen es Gott oder Dein Höheres Selbst, Deine Höhere Macht, Quelle oder Natur. Hier führt uns die Praxis von vairagya und shraddha letztlich zu einem inneren Wissen, einem inneren Frieden, einem Ort der Liebe. Es ist diese Hingabe an das Leben, an Höheres Bewusstsein, in unserem Tun und sogar während des Auftauchens auf unserer Matte, die unsere Praxis lebendig macht, die uns lebendig macht! Die Matte ist ein idealer Platz genau das zu üben!

Die Entwicklung von Vairagya (Nicht-Anhaftung) und Shraddha (Vertrauen) ist eine Sache der Übung, die nicht einfach so plötzlich im Hinterhof auftaucht:

SADHANA

Sadhana ist der Weg einer konsequenten Praxis. In Patanjalis Yoga Sutras wird es auch Abhyasa genannt – die Entschlossenheit zu haben, die Arbeit dafür zu tun, nicht nur darauf zu warten, dass das Wunder geschieht, sondern zu handeln. Yoga Bali nennt es PRACTICE TO FREEDOM. Und es ist genau das, was es sagt: eine Praxis, wie Patanjali hinzufügt, eine beständige Praxis, eine hingebungsvolle Praxis mit ganzem Herzen. Durch leidenschaftliches Üben werden wir den Ort der Stille erreichen, den Ort, an dem wir uns verwandeln und heilen und auch Ruhe finden. Die meisten alten Schriften sagen uns, dass das ultimative Ziel dieser Praxis Samadhi (die absolute Freiheit, Erleuchtung – ein Ort des Erwachens) ist, der durch Meditation erreicht wird. Die Stille zu finden, ist eine wesentliche Voraussetzung für die Meditation und unser Ziel, bevor wir uns auf einen anderen Weg begeben können.

 

„Wenn wir die Welt retten wollen, brauchen wir einen Plan.

Aber kein Plan wird funktionieren, wenn wir nicht meditieren.“ 

Dalai Lama

 

Es gibt tägliche Praktiken, die uns auf unserem Weg zur Freiheit unterstützen und in den Zustand der Meditation führen.

Was für Praktiken (Sadhana) sind das konkret?

Einerseits ist es unsere tägliche Yogapraxis; sei es unsere Asana (Körperübungen) Praxis mit unserem Lehrer/unserer Gruppe oder unsere persönliche Praxis zu Hause. Es ist unser bewusstes Atmen oder Atemübungen, die Meditation, das meditative Spazierengehen durch die Natur mit Achtsamkeit, das Zuhören oder Singen von Musik/Gesängen, das Tanzen, das Schreiben in unser Tagebuch, das Beten, das Überarbeiten unserer Dankbarkeitsliste, das Setzen regelmäßiger Vorsätze, das Lesen alter oder moderner Schriften zum Selbststudium. Und was auch immer wir als unsere Praxis wählen, die uns zur Stille & Intuition führt, beruhigt und klarer macht.

Die Yogapraxis reicht weit in unser tägliches Leben, wenn wir bewusst, ethisch, fair, aufmerksam und holistisch handeln. Wir begegnen unserer Sadhana, unserem Yoga in dem Lachen, Humor und indem wir Gefühlen ihren Raum geben, uns mit anderen austauschen. Es bedeutet auch, regelmäßig Pausen einzulegen, das zu tun was einem wirklich gut tut und Spass macht, den Fernseher und das Handy auszuschalten, damit wir wieder auf unsere innere Stimme hören können, anstatt dem Sog der einseitigen Medien zu folgen. Es ist selbstloser Dienst, wie z.B. nach dem Nachbarn zu sehen, dem es vielleicht nicht gut geht, oder einem Freund ,einer Freundin aufmerksam zuzuhören, ohne sich ablenken zu lassen. Es ist neue kreative Wege zu finden für unser Wohlergehen oder unseren Planeten zu reinigen. Es kann auch sein, dass wir aktiv werden, wenn wir sehen, dass Ungleichheit herrscht oder ein Tier misshandelt wird.

Im Yoga wird der Motor für den Sprung ins Handeln als Tapas bezeichnet.

TAPAS

Tapas ist die Disziplin, die uns konsequent zu Vairagya, Shraddha und Abhyasa/Sadhana bringt. Es ist das Feuer, das in uns brennt, um unsere Leidenschaften und Absichten aufrechtzuerhalten, ganz gleich, wie konfrontierend die Situation draußen vor dem Fenster sein mag oder welcher Bericht gerade im Fernsehen gesendet wurde.

Tapas gibt  Struktur, die uns letztlich die Freiheit gibt, aufzusteigen und unsere Flügel auszubreiten. Wir finden diese Freiheit, zum Beispiel indem wir regelmäßig ins Yogastudio gehen, und plötzlich haben sich die Rückenschmerzen und das Zerspringen des Kopfes, übervoll von Gedanken ,etwas gelegt. Meine Mutter, deren Hände aufgrund von Arthritis sehr schmerzhaft waren, sagte einmal zu mir: „Yoga ist so schmerzhaft für mich; den herabschauenden Hund auf meinen Händen zu machen ist unerträglich, aber weißt du, was noch schmerzhafter ist? Es nicht zu tun“ – ihr Weg in die Freiheit!

Aber es gibt auch Zeiten, in denen wir überhaupt keine Lust haben, regelmäßig zu praktizieren. Unser Tapas kann dann diese kleine Stimme sein, die uns bittet, uns auszuruhen und gut auf uns selbst aufzupassen, früher ins Bett zu gehen, wenn wir müde sind, sanft mit uns selbst umzugehen, uns einfach unserer Gedanken und Handlungen bewusst zu sein und ihnen den Raum und die Liebe zu geben, die sie brauchen. Tapas wird das Feuer sein, das im Hintergrund für uns brennt und uns warm hält, bis wir wieder bereit sind.

Ich lade Dich ein, zusammen diese ur-alten Praktiken wieder frisch zu erleben, gespickt mit Lächeln und Humor, um uns in der heutigen Zeit zu unterstützen, unsere innere Freiheit und Leichtigkeit zu finden und weiterzugeben. Mögen wir uns mit der Liebe in unserem eigenen Herzen verbinden, uns gegenseitig die Hand reichen und uns vereinen, um eine Welt des gegenseitigen Verständnisses zu schaffen.

Ich bin frei, wenn wir alle frei sind.

geschrieben von Beate McLatchie